Einer aus London kommenden Chartermaschine entstieg am Nachmittag des 30. Mai 1968 auf dem Flughafen Zürich-Kloten eine Schar ungewöhnlicher Passagiere. Rund 40 junge Männer, auffallend bunt, mit Schlapphüten, wunderlichen Haartrachten, Klunkern und Tüchern, trollten sich die fahrbare Treppe hinunter. Sogleich wurden sie von skeptisch dreinschauenden Schweizer Zöllnern in Empfang genommen und in ein improvisiertes Zollhaus gelotst, einem Bus, der hier ans Ende der Landepiste gekarrt worden war, zwei Kilometer vom offiziellen Zoll- und Flughafengebäude entfernt. Die Paradiesvögel kicherten und witzelten. Sie hatten gut lachen. Sie waren nach Zürich gekommen, um an zwei aufeinanderfolgenden Konzerten im Hallenstadion als Angehörige von damals gefeierten englischen Rockbands aufzuspielen. Auf internationalen Flughäfen gefilzt zu werden, war Tournee-Routine.
Neben der mobilen Zollstation parkte der Limousinenkonvoi der Welti-Furrer AG, in welchen die lustigen Musikanten verladen wurden, um sie durch einen Hinterausgang aus dem Flughafengelände und über Umwege nach Zürich ins Hotel "Stoller" zu manövrieren. Das Ordnungsdispositiv stellte für alle Fälle noch ein Kontingent Polizisten und einen Wasserwerfer bereit. 300 Beatfans waren aufmarschiert, um ihre Idole zu begrüssen, die sie aber nicht zu Gesicht bekamen. Der eigentliche Star der Konzerte , der amerikanische Gitarrist Jimi Hendrix, war unbemerkt schon am Morgen aus New York eingeflogen und längst in seinem Bett im Hotelzimmer. Drei Wochen vor dem Konzert konnte Wachtmeister Guido Buchli, Stadtpolizei Zürich , der Neuen Presse die vielsagende Auskunft geben, man wisse noch nicht genau, wie viele Polizisten man aufbieten werde, "im Krieg sagt man ja auch nicht, wie gross das Heer ist, das ausrückt."
Hans-Ruedi Jaggi 1941-2000
Der Mann, der den Ordnungskräften strategische Anstrengungen und Ueberstunden
einbrockte, hiess Hans-Ruedi Jaggi. Er hatte im Vorjahr die Rolling Stones ins
Hallenstadion gebracht. Schon damals zum Missfallen des offiziellen Zürich. Die
Stones waren bekannt dafür, dass sie auf ihren Tourneen eine Spur zerschlagenen
Konzertmobiliars hinter sich herzogen. Ihrem Ruf als böse Buben wurden sie auch
in Zürich gerecht. Jaggi, 27 Jahre alt, Sohn eines Metzgers aus Zürich-Oberengstringen,
schien prädestiniert dazu, Konzerte der grossen und lauten Art zu organisieren.
Professionelle Konzertagenturen in Europa hatten sich noch kaum auf die Musik
der langhaarigen Wilden spezialisiert. Hier konnt man gross einsteigen.
Kaum
der Lehre als Lampenschirmverkäufer entronnen, war Jaggi als selbsternannter
Manager der Sauterelles, der Barracudas und ausgebuffter, zweitrangiger
englischer Rock-Combos durch die helvetische Provinz getourt. Er hatte wie kein
zweiter Erfahrung im Umgang mit launischen Popmusikern, war jung genug, um zu
wissen, welche Musik die Jungen mochten, er konnte mit bodenständigen
Saalvermietern verhandeln und servierte den Journalisten den süffigen Stoff.
Sein Kellnerjob im legendären "Schwarzen Ring" an der Kruggasse im Zürcher
Niederdorf lehrte ihn die Kunst der Dreistigkeit und der geistesgegenwärtigen
Hochstapelei, mit denen sich der 1,60 Meter grosse Pfüpf den Respekt der
Kundschaft, Eisenleger, Zuhälter und Huren, verschaffte. Als Inhaber des
privaten Nachtklubs "Am Pfauen" schliesslich und als geselliges Schlitzohr
knüpfte er viele nützliche Kontakte quer durch alle Milieus und Berufe.
Spätestens seit dem Stones-Konzert war der "Beatpapst" eine Stadtbekannte Figur. Fotos zeigten ihn vor seinem Bentley, mit langem Haar, Rollkragenpulli, Samtjacke, spitzen Stiefelchen, umgeben von sehr blonden und sehr jungen Frauen. "Mir sind jungi, frächi Chaibe gsi" erinnerte sich Jaggi Jahre später. Vorfreude an der Provokation war wahrscheinlich mit im Spiel, als Jaggi bei einigen Drinks mit Managern und Musikern im Londoner In-Klub "Spakeasy" zum Spottpreis von 15 000 Pfund das hochkarätige Rock-Multipack John Mayall, Traffic, Move, Eric Burdon und Jimi Hendrix, den Superstar, einkaufte. Flüssiges Geld war keines da. Zurück in Zürich, mussten Sponsoren aufgetrieben werden. Staatliche Kultursubventionen waren keine zu erwarten.
Die "Neue Presse" übernahm das Patronat und kreirte das Konzertplakat. Der "Blick" stieg ein, natürlich auch das "Pop" des jungen Jürg Marquard und die Schmalzpostille für junge Herzen, "Bravo". Aus der Modebranche konnte Bernie Lehrer vom Bernie's Junior Shop gewonnen werden. Noch existierte nur eine Handvoll Kleidergeschäfte mit speziellem Sortiment für jugendliche Käufer. Bis vor kurzem war es normal, dass der herausgewachsene Bub von den kurzen Hosen übergangslos in den grauen Anzug wechselte. Bluejeans als Vorläufer einer Jugendmode waren als anrüchige Kluft für die Halbstarken reserviert.
Den Herren der Polizei blieb nichts anderes übrig, als sich mit dem jungen Schnuderi an einen Tisch zu setzten, um die Sicherheitsbedingungen auszuhandeln. Nachdem die Fans am Stones-Konzert einige tausend Klappstühle zu Kleinholz verarbeitet hatten, forderte unter anderen der damalige Chefredaktor der "Zürcher Woche", Werner Wollenberger, das Verbot "solcher" Veranstaltungen. Viele teilten seine Meinung. Triumphierend und mit feinem Gespür fürs Aergernis nannte Jaggi seine Veranstaltung Monsterkonzert.
Die Ankunft der Beatidole fiel in eine bewegte Zeit. Ein Phänomen, das die Medien unter dem Titel "Unrast der Jugend" abhandelten und das irgendwie mit Beatmusik zu tun hatte, breitete sich einer Epidemie gleich in Europa und Uebersee aus. Studenten besetzten Universitäten und hinderten Professoren am Reden; verwegene Jungtheoretiker predigten einem noch jüngeren Publikum, dass zwischen der imperialistischen Bombardierung des vietnamesischen Volks und der sexuellen Unterdrückung im Lehrlingsheim ein ursächlicher Zusammenhang bestünde. Prinzipielle Antiautorität und das Umkrempeln alle Bewährten drohten Programm einer ganzen Generation zu werden.
In Rom, Berlin, Paris und anderswo wurden Barrikaden errichtet, der Polizei Strassenschlachten geliefert, Autos umgestürzt und in Brand gesezt. Die Anzeichen mehrten sich, dass die Verwilderung auch auf die Eidgenossenschaft übergriff. Eine Etappe der Tour de Suisse wurde umgeleitet. Sie hätte über ein Stück französischen Bodens geführt, was doch zu heiss war in Anbetracht der Eriegnisse in Paris.
Der freisinnige Regierungsrat Albert Mossdorf bezog in einer Presseorientierung des Zürcher Kantonalschüzenvereins Stellung. Beunruhigt durch die "kulturrevolutionäre Bewegung der Jungen, deren Anhänger sonderbare Kleidung tragen, sich auf Tramschienen setzten und chinesische Namen ausstossen", und irritiert durch gewisse Schüler, welche das "Hauptgewicht auf Sexualaufklärung legen", worin der Politiker den eindeutigen Versuch erkannte, "eine fremde Ideologie durchzusetzen", gab er beherzt Gegensteuer. Man könne all dem "nichts Besseres entgegensetzen als eine geistig und körperlich gesunde Jugend", folgerte er messerscharf. Deshalb sollte Lehrlingsturnen endlich obligatorisch und das Jungschüzenwesen für Jünglinge ab 16 Jahren intensiviert werden. Die Mahnung aus Bülach kam zu spät.
Vollendete Verkörperung des Alptraums der Aufrechten war just Jimi Hendrix. Dieser spielte unerhört laut (grundsäzlich mit englischer Einstellung, wie man in Fachkreisen das volle Aufdrehen der Verstärkeranlagen nannte), aggresiv, unruhig, behandelte seine Gitarre mit Zunge und Zähnen, zündete sie auch mal an oder schlug sie in Stücke und unterstrich seine Bühnenshow mit Bewegungen von dermassen aufreizender und unverhüllter sexueller Symbolik, dass von amerikanischen Frauenvereinen der Ruf nach Totalzensur zu vernehmen war. Zudem war er schwarz.
Unter Berücksichtigung all dieser Umstände war es daher verständlich, dass von seiten der Polizei hohe Auflagen punkto Sicherheit an den Veranstalter gestellt wurden. Die Bühne musste zu einer praktisch uneinnehmbaren Festung ausgebaut werden, aus stabilem Holz gezimmert, vier Meter hoch, mit vorstehendem Bühnenrand. Mit Schmieröl würde die Rennbahn, wo sonst Steher und Sprinter ihre Runden drehten, präpariert werden, um Angriffe über die seitlichen Flanken auflaufen zu lassen. Ueber 100 Polizisten sollten sich hinter der Bühnenwand postieren. 60 weitere zivile Polizisten würden sich unauffällig unters Publikum mischen, welches zudem an der Kasse von einem Spalier Hundeführern mit Hunden empfangen werden würde. Der Funke von der grossen Bühne sollte nicht auf Zürich überspringen.
Man rechnete mit etwa 10 000 Besuchern pro Abend. Die Klappstühle versicherte Jaggi wie im Vorjahr bei Lloyd's. "Blick und "Neue Presse" schrieben Wettbewerbe aus. Bei "Blick" waren 1000 Freibillette zu gewinnen. Die "Neue Presse" winkte mit eine "Autogrammstunde exclusiv mit Eric Burdon" und zwei Extraflügen Zürich-London retour, auf dem Hinflug in Begleitung von Jimi Hendrix. "Warum zwei Flüge?", fragte die "Neue Presse", um die Antwort sogleich zu geben:"Die Preise gehen nämlich zu gleichen Teilen an Buben und Mädchen."
Glückliche Gewinner waren ein seriös ausschauender Schneider aus den Solothurnischen, 28 Jahre alt, der nicht zum Konzert gehen wollte, weil er "kein Beatfan" sei, denn "die Kennedys und Duttweiler sind meine Vorbilder", und eine strahlende 14 jährige Schülerin aus Zürich-Höngg, die für die Zeitung mit ihrem Meerschweinchen posierte. Die heute im Tessin lebende Frau Esposito, schaut mit ihren zwei Kindern hin und wieder das Fotoalbum an, das sie sich damals zusammengestellt hatte. Sie erinnert sich gut, wie die anderen in der Klasse neidisch auf sie gewesen seien. Ihre Mutter musste bei den Schulbehörden ein Gesuch einreichen, da der Flug auf einen Samstagmorgen fiel. Die Lehrer hätten es nicht gern gesehen und wollten auch nachher nie wissen, wie es gewesen sei. Man sei eben noch streng gewesen damals. Hosen beispielsweise durften Mädchen in der Schule nicht tragen, geschweige denn ein Miniröckchen, wie sie eins trug, als sie nach London flog. Dies hatte ihr die ältere Schwester extra für den Anlass genäht. Sie sei schon aufgeregt gewesen und der Jimi Hendrix "schaurig dünn, mit äme Huuffe Haar". Den ganzen Flug über habe er aber geschlafen, und am Schluss habe man ein Erinnerungsföteli gemacht. Zu seiner Musik habe sie nie eine Beziehung gehabt. Zu unruhig, zuviel Gitarre. Als man später am Fernsehen Hendrix' Tod gebracht habe, sei ihr ganz mulmig geworden.
Statt der erwarteten 10 000 Besucher, kam nur die Hälfte. Nach einer kurzen Modeschau
mit farbenfrohen Kleidern von Bernie's, eröffnete Walty Anselmo, gehandelt als
"Schweizer Jimi Hendrix", mit seinen Musikern den Reigen. Als einziger
Schweizer Band fiel ihr die Ehre zu, in derart erlauchter Gesellschaft antreten
zu dürfen.
Nach
Anselmo waren The Koobas dran, eine vorübergehend in Zürich gestrandete
englische Profiband. Sie gefiel besser. Härter und temporeicher spielend,
konnte sie dazu mit einem Hit aufwarten:"The first cut is the deepest". Dann
der erste der Giganten, John Mayall, mit notorischem Fransenlederwams und
umgeschnürtem Patronengürtel voll mit Mundharmonikas, der Lederstrumpf des
Blues, in melancholischer Entschlossenheit, diese Musik, ein unverdientes
Geschenk Afrikas an die Weissen, zu zelebrieren und zu künden. Mit ihm wusste
man, woran man war. Einfache Harmonien, eingängige Riffs, treibender Beat,
keine Experimente. Die Stimmung stieg und wurde nur einmal kurz unterbrochen.
Mitten in einem Stück raste völlig überraschend ein junger Mann zu Mayall's
Piano, schnappte sich dessen Feuerzeug und entkam Richtung Seitentribüne. Der
Kreuzritter des Blues hörte auf zu spielen und erklärte, erst wieder
fortzufahren, wenn man ihm sein Eigentum zurückerstattet hätte. Der Reliquienjäger
wurde gefasst, das entwendete Objekt retourniert, die Show ging weiter. Danach
kam Traffic, mit Steve Winwood, dem schönen, bleichen Wunderknaben des Rock,
der schon als 17jähriger die Musikkritiker in Erstaunen und die Mädchen in
Verzückung versetzt hatte. Nach der Skandal-Combo The Move, die sich bei
Vertragsabschluss verpflichten musste, auf ihre rabiate Bühnenshow zu
verzichten (sie zertrümmerten flimmernde Fernseher, schlugen mit Aexten auf
Sperrmüll ein und so weiter), war die Reihe an Eric Burdon. Der kleingewachsene
ehemalige Kohlekumpel aus den Slums von Newcastle mit der schwarzen Stimme, dem
grossen Herzen und dem grossen Durst führte mit seinen New Animals kompakten
Rhythm and Blues vor, rauh und roh gesungen. Auf den Hintergrund wurde eine
Lightshow projiziert, ein ungewöhnliches optisches Spektakel. Die Menge war
begeistert.
Und
dann der ersehnte Auftritt des Grossmeisters, der Legende zu Lebzeiten, des vom
Saturn auf die Erde gafallenen schwarzen Gottes. Journalisten, Techniker,
Veranstalter, Gäste, Musiker, alle versammelten sich im hinteren Bühnenteil, um
Hendrix zu sehen und zu hören. Er trat in gewohnter Dreierformation an, mit dem
jazzigen und agilen Drummer Mitch Mitchell und dem Bassisten Noel Redding, der
spielen konnte wie ein Teufel und aussah wie ein unterernährter
Phiosophiestudent. Linkshänder Hendrix hatte seine berühmte weisse Fender
Stratocaster für Rechtshänder umgehängt, trug den breitkrempigen Hut mit Band
aus Silberschnallen, ein geblumtes Schlabberhemd, um die Lenden eng anliegende
Samthosen. Im Hintergrund der Turm aus Boxen und Verstärkern. Die hässliche,
mit Werbeplakaten verhängte Bühne wurde zum magischen Raumschiff. Die Gruppe
spielte von Beginn weg sehr laut. Die Verstärker pfiffen, krachten, die
Lautsprecher schienen zu bersten. Aber der elektrische Lärm fügte sich auf
wundersame Weise ins Heulen der Gitarre, ins dröhnende Blubbern des Basses und
ins Stampfen des Schlagzeuges. Hendrix beherrschte wie kein zweiter die Kunst,
elektroakustische Effekte in sein Gitarrenspiel zu integrieren und mit ihnen
Töne zu erzeugen, die man nie zuvor gehört hatte und die erregend und
irritierend waren.
Hendrix'
Gitarre konnte sprechen, Geschichten erzählen, Bilder malen, knattern wie ein
Maschinengewehr, zittern wie eine Frau, leuchten wie Phosphorbomben und weinen
wie ein Kind. Der Sprechgesang unterstützte die Gitarre, umschmeichelte ihre
Läufe, stachelte sie an, um beim Solo auszusteigen und später wieder in ein
Duett einzustimmen, abwiegelnd, sanft, ein melancholischer Kontrast zum
rastlosen, unversöhnlichen Instrumentalspiel, welches dort erst richtig anfing,
wo andere Gitarreros schon längst aufgehört hätten, und das einem die Seele
aufwühlte und den Kopf sturm machte. Wie nur noch Dylan konnte Hendrix auf
wunderbare Weise nicht singen. Es musste die warm-erdige Stimme sein mit ihrem
angerauhten bronzefarbenen Timbre und dem Klang, als wären die Mandeln immer
leicht geschwollen, welche dieses Nuscheln, dieses summende Selbstgespräch so
sexy machte. Dazu bewegte er sich mit lasziver Eleganz, entspannt und aufreizend,
um sich plötzlich zusammenzuziehen und wieder hochzuschnellen, dabei
eigentümlich schwerelos wirkend, als wäre sein Körper Teil der Musik.
Die
Musikerkollegen im hinteren Teil der Bühne lauschten ehrfürchtig, vielleicht
auch ein wenig eifersüchtig, und die wenigen eingeschworenen Hendrix-Kenner wie
Walty Anselmo bekamen Gänsehaut.
Anselmo
war früh von der Beatmusik angefressen, brachte sich das Gitarrenspiel durch
Kopieren von Schallplatten aus England und den USA bei, liess sich die Haare
über die Ohren wachsen, gründete eine Band und hatte seinen ersten richtigen
Auftritt noch als Stift im Café "Longstreet" an der Langstrasse im Zürcher
Stadtkreis 4, wo die Huren im Publikum laut verhandelten, wer den schüchternen
Jungen als erste vernaschen dürfe. Die Begegnung mit der Musik von Hendrix habe
sein Leben umgekrempelt. In Hendrix habe er einen Seelenverwandten gefunden,
durch ihn habe er an einer Kraft teilhaben dürfen, die ihm bis dahin unbekannt
gewesen sei. Anselmo und Jaggis damalige Frau holten Hendrix auf dem Flughafen
Kloten ab. Zwischen dem bescheidenen und höflichen Star und ihm, Anselmo, dem
unbekannten Schweizer Musiker, sei der Funke sofort gesprungen. Sie hätten von
der ersten Sekunde an gesprochen wie alte Freunde. Als ihm später vom Musiker
Tony Ashton die Nachricht von Jimis Tod überbracht worden sei, habe er es nicht
glauben können. Jahrelang konnte er dessen Musik nicht mehr hören.
In der
schwarzen Unterhaltungskultur sind Gimmicks beliebt: verblüffende Kunststückchen
mit Instrument und Körper, oftmals sexuelle Anspielungen, erotsche Gags und
Protzereien. Humor und Sex waren untrennbare Bestandteile des musikalischen
Entertainments. Einige Nümmerchen baute Hendrix in sein Programm ein. Schnell
den Gitarrenhals zwischen den Beinen hin- und herschieben, Gitarre auf dem
Rücken oder mit dem Mund spielen. Lezteres wurde sein Markenzeichen und durfte
an keinem Konzert fehlen. Auch in Zürich nicht. Das Publikum wartete gespannt,
dass er das Instrument zum Mund führen würde. Seine Musik, ausser "Hey Joe",
kam bei der Masse nicht sehr an. Vereinzelt flogen Bierdeckel auf die Bühne,
vor allem bei seinen melodischeren Stücken. Er war nicht der grobschlächtige
Rock-King-Kong, den die Medien verbraten hatten. Man war etwas enttäuscht.
Insgesamt
herrschte aber Zufriedenheit bei den 5000 meist jugendlichen Zuschauern, als
das Konzert nach Mitternacht zu Ende ging. Für elf Franken waren sie zu Besuch
in der grossen Welt, in einer Welt nach ihrem Gusto. Die Bands inszenierten ein
Leben, das in ihrem Alltag nicht möglich war, aber ihren Sehnsüchten entsprach.
Die Musiker waren Statthalter der Phantasie, der ewigen Adoleszenz, die
Rockbühne ein ritualisierter Ort, wo der Mythos unverschämter Freiheit
professionell aufgeführt worden war. Die Musiker kehrten ins Hotel zurück.
Hendrix nahm sich eine Begleiterin aufs Zimmer. Dem Portier entging dies nicht.
Er informierte die Polizei, welche den Star aus dem Bett holte und seine
Besucherin abführte. Stollers "Frauentraum" war strikt für die Glacekarte
reserviert. Jetzt erst konnte Zürich ruhig schlafen gehen. Es war sauber
geblieben.
Die
morgendliche Berichterstattung verriet Erstaunen. Alles war reibungslos
abgelaufen, kein Aufruhr, keine Randale. Der "Tages-Anzeiger" schrieb von einem
"langweiligen, braven Spektakel", höhnte über die "Kinder", die sich durch "tänzerische
Wackelbewegungen in Ekstase zu bringen" versuchten, und frotzelte über die
Musiker, "buntgekleidete Männchen", welche vergeblich gegen die "miese Akustik"
ankämpften und deren Musik "im Verstärkergebrüll" unterging. Rockmusik war
Unkultur.
Nicht ganz für alle. "Als man hörte, dass der Hendrix komme, war es klar, dass wir gehen",
erinnert sich Roland Gretler. Wir, das war die Clique der Jungen Sektion der
Partei der Arbeit, einer Gruppe Freiberufler, die zur stalinistischen Altpartei
in gespanntem Verhältnis stand; gehen, das hiess auch, das man politisches
Kapital aus dem Ereignis zu schlagen gedachte. Das "1. Flugblatt der
antiautoritären Menschen" wurde produziert, um den historischen Zusammenschluss
von Beatfans und linker Protestbewegung herbeizuführen. Auf der Vorderseite
prangte Jimi Hendrix; Maos kulturrevolutionärer Leitspruch: "Rebellion ist berechtigt", wurde fotografisch ins Medaillon auf der Brust des Stars montiert.
Der Text enthält die Frohbotschaft der 68er Revolutionäre. "Satisfaction" wäre
möglich, andere gesellschaftliche Verhältnisse müssten aber geschaffen
werden. Sexuell verklemmte Spiesser
gönnten der Jugend keine Lust und Freude und wollten daher Beatmusik
polizeilich verbieten lassen.
Zwei
Wochen vor dem Konzert traf sich Jaggi in einer Bar im Zürcher Niederdorf mit
Gretler und dem Journalisten Walter Bretscher. Bretscher (er schrieb 1978 in
der "Tat" eine kenntnisreiche Serie zur Geschichte der Zürcher 68er Unruhen)
hatte den Kontakt zwischen Popkommerz und Revolution vermittelt. Der Promoter
hatte nichts dagegen, dass die Linken die 20 000 Stück ihres Polittraktats
verteilen würden. Als Gegenleistung offerierten die Antiautoritären einen
Konzertansager, den 31 jährigen Italozürcher Giorgio Frapolli, der mit seinem
attraktiven Aussehen und seiner souveränen Art für einen störungsfreien Ablauf
sorgen sollte.
Am zweiten Abend kamen 10 000. Die Stimmung war
glänzend. Die Bands leisteten saubere Arbeit. Einziger Unterschied zum Vorabend:
The Move und Eric Burdon tauschten Plätze. Burdon war beim Publikum besser
angekommen. Weniger glänzend war die Stimmung hinter der Bühne. Uniformierte
machten abfällige Bemerkungen über die Jugendlichen, titulierten die auf- und
abtretenden Musiker mit Söihünd und schwuli Söi.
Kurz nach Mitternacht verklang der Schlussakkord,
man bedankte sich, die Massen begannen gegen die Ausgänge zu strömen. Zehn,
vielleicht zwölf Jugendliche fingen an, Klappstühle zu zertrümmern, ihre
Kraftübungen fanden keine Nachahmer, der Grossteil lief ruhig weiter, das
Stadion leerte sich. Da fiel hinter der Bühnenwand das Losungswort der Polizei:
Auf Caramba starteten die Mannen los.
Dr. iur. Hans Schlegel kann sich an den Abend des
31. Mai 1968 erinnern. Am Tag nach dem Monsterkonzert, am 1. Juni, wurde er zum
Chef der Sicherheitspolizei der Stapo Zürich befördert. "Nein", meint Dr.
Schlegel, "nein, das war keine schöne Zeit." Es interessiere ihn im Grunde
nicht mehr. Jedes Wochenende sei man aufgeboten worden. Die Krawallanten hätten
einem das Leben schwergemacht. Nach diesem Hendrix kam das mit dem Globus und später
die Opernhaus-Krawalle. Da war er schon Stabschef.
"Was, ein Feuerchen hätten die gemacht nach dem
Konzert? Ein riesiges Feuer war das, in der Nähe einer Tankstelle. Und dann gab
es diesen Saubannerzug von Oerlikon zum Hauptbahnhof." Der Polizist sieht noch heute
die rot-weissen Bauabschrankungen, die über den ganzen Bahnhofplatz verstreut
am Boden lagen. Wieso es dazu gekommen sei? Radaubrüder seien es gewesen, und
dann wären noch dieses Flugblatt der PdA gewesen. "Sie händ Freud gha, dass
Aekschen botte worde isch." Der Konzertveranstalter habe schon gewusst, wie man
einheizt. Was eigentlich der Jaggi heute mache? So, älter sei er heute, aber
reifer bestimmt nicht. Total unvorbereitet sei die Polizei gewesen, inklusive
Ausrüstung. Nur mit Gummiknüppel, und der werde dann halt benüzt. "Aber das ist
für mich jetzt alles abgeschlossen. Gott sei Dank vergisst man solches."
Aufgeregt habe er sich über den nicht gerade
zimperlichen Polizeieinsatz, erzählt Jugendmodeverkäufer Bernie Lehrer. Die
Polizisten begannen, die Jugendlichen im Stadion vor sich her zu treiben. "Einige
Polizeimänner machten", so die NZZ am nächsten Tag, "unnötigerweise vom Knüppel
Gebrauch." Draussen standen noch einige hundert Jugendliche herum. Die letzten
Trams und Busse waren abgefahren. Die Nacht war kühl, ein paar Jugendliche
entfachten ein "harmloses Feuerchen" (NZZ), um sich aufzuwärmen. Die
Uniformierten tauchten auf dem Platz auf, ein abseits stehendes Mädchen wurde "von
einem Polizisten geohrfeigt" (NZZ). Hunderte sahen es. Jetzt erschollen die
ersten Buhrufe, kurz darauf flogen Schlötterlig, einige Bierflaschen und Steine
Richtung Polizei. Ein Pfiff des Einsatzleiters, und eine Hundertschaft mit
gezückten Schlagstöcken rückte vor. Mehr Flaschen und Steine flogen, nach
Auskunft des Polizeisprechers auch einzelne Gusseiserne Dolendeckel. Die
Polizei setzte den Flüchtenden nach. Wer schnell genug sprinten konnte, hatte
Glück, die Langsameren kriegten Prügel, die letzten bissen die Hunde. Die
Hundeführer hatten ihre Schäfer von der Leine gelassen. Einige Ordnungshüter
droschen auf alles ein, was greifbar war. Betroffen davon waren vor allem auch
Journalisten und Fotografen.
Gegen drei Uhr früh wiederholte sich die Szene.
Etwa 200 übriggebliebene Jugendliche lagerten unter den Arkaden auf der
Limmatseite des HB. Sie warteten auf die Oeffnung des Buffets und den ersten
Zug. Erneut brannten Feuerchen. Diesmal kam die Feuerwehr vor den Einsatzwagen
der Polizei. Wasser und Knüppel von der einen Seite, Steine und Bretter von der
anderen. Wieder prügelte die Polizei die Falschen: Verbeulte Journalisten,
kaputte Fotokameras, konfiszierte Filme waren die Bilanz.
Die Musikanten vergnügten sich unterdessen in der
Diskothek "Crazy Girl" an der Zwinglistrasse in Zürich 4, wo später Jaggi
seinen Klub "Revolution" eröffnen sollte. Es war eine Abschiedsparty, man hatte
verlängerte Polizeistunde eingegeben. Punkt 2.30 Uhr erschien, einem
Ueberfallkommando gleich, ein mit Uniformierten vollgepackter Einsatzwagen vor
der Diskothek, einige postierten sich am Haupteingang, andere sicherten die
Hinterausgänge. Die Festenden stürzten ins Freie, in der Meinung, es handle
sich um eine Razzia. Die Ordnugnshüter wollten aber lediglich der Polizeistunde
etwas Nachdruck verschaffen. Dies war die Art, wie man mit Halbstarken umging,
und so hielt man es damals auch bei internationalen Popstars für angemessen.
Hendrix war nicht unter den Gästen. Die
Securitas-Wächter hatten ihn an der Türe abgewiesen. Keine Chance,
hereingelassen zu werden, zu dunkel war Jimi's Haut. Hendrix bestieg ein Taxi,
er wollte noch etwas essen. Der Fahrer brachte ihn nach Zürich-Altstetten, dort
stand ein Automat, der panierte Schweinsschnitzel ausspuckte. Anständige Leute schliefen
nachts, Hunger nach Mitternacht war nicht vorgesehen. In Gesellschaft einiger
Prostituierter, Strichjungen und Taxifahrer kaute der höfliche Star sein kaltes
Menü und liess sich anschliessend ins Hotel zurückfahren, wo er sich beim
Chauffeur mit einer 100-Dollar-Note bedankte. Und wieder wachte Stollers
Portier über den allgemeinen Sittenkodex.
Beinahe wäre es gelungen, die Heimsuchung
abzuwehren. Doch die Presse kritisierte nahezu einhellig das übermächtig harte
Durchgreifen der Ordnungskräfte. "Nicht das Monsterkonzert war monster",
schrieb die "Sie und Er", "die Polizei war es." Das waren neue Töne. Etwaige
Uebergriffe Uniformierter hatten sich bislang gegen Homosexuelle,
Milieufiguren, Halbstarke und renitente Rauschmänner gerichtet. Kritik war
dafür keine zu gewärtigen.
Die Knüppel auf die Jungen in der Frühlingsnacht
hatten unbequeme Geister wachgeklopft. Zwei Wochen nach Hendrix' Auftritt
führten Junglinke vor Zürichs Polizeihauptwache Urania ein Strassentheater auf.
Viele Schaulustige wurden Zeugen, wie ein Volkstribunal dem unbekannten
Schlägerpolizisten der Prozess gemacht wurde.
Weiter zwei Wochen später forderte die mittlerweile
organisierte Protestjugend das leerstehende Gebäude des Warenhauses Globus an der Bahnhofsbrücke als autonomes
Jugendzentrum. Tausende kamen zur Demonstration, auch aus dem Thurgau, sogar
aus dem Wallis. Jaggi hatte die Adressen der Teilnehmer am "Blick"-Wettbewerb
des Hendrix-Konzerts erhalten, zwei Zeinen voll Postkarten, 6000 Namen
insgesamt. Diese gab er an Gretler weiter, der im 16köpfigen Globus-Komitee der
Autonomen vertreten war. Als Globus-Krawall ging die lange Nacht vom 29./30. Juni
1968 in die Geschichte Zürichs ein, man hatte zu Europa aufgeschlossen, das
Monsterkonzert war der Auftakt gewesen.
Jaggi wurde wegen Anstiftung zu Landfriedensbruch (StGB
Art. 260) angezeigt. Bewaffnete Polizei umstellte bei Tagesanbruch sein Haus in
Rudolfstetten. Er sollte zur Einvernahme abgeholt werden. Wegen der Sache mit
der "Blick"-Jugendkartei. Jaggi fuhr in seinem Ferrari mit dem Einsatzleiter
auf dem Beifahrersitz zum Protokoll. Die Anklage musste fallengelassen werden.
Die Polizei präsentierte ausserdem eine dataillierte Abrechnung über
Extradienstleistungen: Ueberzeitentschädigung, Nachtdienstzulagen und 272
Nachtessen à 4 Franken. Totalkosten 35 000 Franken. Jaggi weigerte sich, den
Tarif für die ungewollten Extradienstleistungen auf dem Aussengelände zu
blechen, prozessierte und war acht Jahre später erfolgreich. Vom Monsterkonzert
hatte er 100 000 Franken nach Hause gebracht. Jaggi hatte Zeit für seinen
nächsten Streich: Am Stephanstag 1971 liess er Muhammad Ali im Hallenstadion
boxen. Jimi Hendrix allerdings war damals schon tot. Der begnadete Gitarrist
starb am 18. September 1970.
Dieser Artikel erschien erstmals
am 29. Mai 1993 in:
Das Magazin/Tages Anzeiger und
Berner Zeitung BZ.
und erscheint hier mit freundlicher
Genehmigung des Autors.
Korrekturen Marcel Aeby 2004
ŠEugen Sorg